Wenn Dell Pizza verkaufen würde...

Vergangenen November präsentierte Dell auf einer Konferenz ein neues Notebook, das Latitude XT, das mit einem neuartigen berührungsempfindlichen Monitor ausgestattet ist. Durch Tippen mit dem Finger kann man den Computer über den Monitor steuern, ohne eine Maus oder eine Tastatur zu benötigen. Verwendet man mehrere Finger gleichzeitig (und das ist das Neue) sollen ganz neue Anwendungen und Bedienkonzepte für Computer möglich werden (einen Vorgeschmack lieferte übrigens Apple mit dem ebenfalls multitouchfähigen iPhone). Firmenchef Michael Dell leitete die Präsentation ein und sprach von "der besten Touch-Technologie", die verfügbar sei. Dell habe damit "einige ziemlich interessante Dinge getan, die nie zuvor getan wurden". Was dann jedoch folgt, ist eine Präsentation, die völlig an den Bedürfnissen der Kunden vorbei geht und vor allem die aus Sicht der Entwickler schwierigen technischen Herausforderungen in den Vordergrund stellt, anstatt neuartige Anwendungen, die für die Kunden interessant sind, zu demonstrieren. Bei YouTube gibt es die Präsentation zu sehen:
Präsentation des neuen Dell Latitude XT-Laptops mit
Multitouch-Fähigkeit
Ungefähr bei 0:45 min übernimmt
Dell-Chefentwickler Kevin Kettler und demonstriert die "ziemlich
interessanten Dinge": Er zeigt zuerst eine sog.
Debug-Anwendung, die Dell in seinen Labors zum Testen der
Multitouch-Monitore verwendet (ab etwa 1:15 min):

Dell-CTO Kettler demonstriert die Multitouch-Technologie und
berührt den Monitor mit fünf Fingern
Das mag aus Entwicklersicht ungeheuer spannend sein; immerhin
handelt es sich um eine Technologie, die es so bei Notebooks noch
nicht zu kaufen gibt und die also aus Ingenieurssicht sehr
interessant ist. Aber: Was hat der Kunde davon?
Warum sollte man fast 1400,- € mehr für das Latitude XT ausgeben
als für das bis auf das schwenkbare Multitouch-Display
vergleichbare Latitude D430? Natürlich hat Kettler darauf eine
Antwort. Als eine mögliche Anwendung zeigt er ein Malprogramm, bei
dem man mit mehreren Fingern gleichzeitig Striche malen kann:

Dell zeigt eine Anwendung der
Multitouch-Technologie
Im Ernst: Wann haben Sie
zum letzten Mal das Bedürfnis nach solchen expressionistischen
Ergüssen verspürt? Erst zum Schluss zeigt Kettler die Anwendung,
die alle schon von Apples iPhone kennen und für die man schon eher
ein Nutzen erkennen kann (nebenbei bemerkt: die Anwendungen startet
Kettler über die herkömmliche Tastatur, nicht etwa über den
Multitouch-Monitor):

Dells Multitouch-Display ermöglich das Skalieren und Drehen von
Fotos mit der Hand
Offenbar fällt es Kettler enorm schwer, seine Entwicklerperspektive
zu verlassen und aus Kundensicht zu denken. Natürlich steckt viel
Aufwand darin, solch eine neue Technologie überhaupt so weit zu
entwickeln. Natürlich ist man als Entwickler dann auch stolz
darauf, die technischen Herausforderungen gemeistert zu haben, und
möchte auch anderen zeigen, wie gut die Erkennung der fünf Finger
einer Hand tatsächlich funktioniert. Die Wahrheit ist jedoch:
Es interessiert die Kunden nicht, wie schwierig es war, eine Technologie zu entwickeln. Es interessiert nur, was man damit tun kann (und zu welchem Preis).
Diese Erkenntnis mag auf den ersten Blick deprimierend sein. Aber wenn man sich einmal daran gewöhnt hat und es nicht nur für die Produktpräsentation, sondern bereits bei der Entwicklung selbst im Hinterkopf zu behalten, wird sie im Endeffekt sogar helfen, bessere Produkte zielgerichteter zu entwickeln.


Bei der ersten Präsentation dieser neuen Pizza würde Kettler die Vorteile des Herstellungsverfahren erläutern und zeigen, wie die Entwickler (sprich: Köche und Lebensmittelchemiker) im Labor die Zutaten analysieren und auf geschmackliche Reinheit überprüfen. Würden Sie durch diese Reagenzgläser zum Probieren der Pizza angeregt?
Fassen wir noch einmal zusammen:
- Als Entwickler ist man (zu recht) stolz auf neue Entwicklungen, insbesondere wenn es sich um etwas handelt, was noch niemand vorher erreicht hat. Natürlich möchte man zeigen, welche technischen Herausforderungen man dafür meistern musste.
- Kunden (oder allgemein die Zuhörer) interessiert es im allgemeinen nicht, wie groß die technischen Herausforderungen waren, sondern nur welchen Nutzen sie von einem Produkt haben und was es sie kostet.
- Es ist daher absolut wichtig, aus der Perspektive der Kunden (bzw. Zuhörer) zu präsentieren, nicht aus der Perspektive des Entwicklers.
Welchen Eindruck Dell mit der Multitouch-Präsentation hinterlassen hat, lässt sich übrigens sehr schön an dem Kommentar von YouTube-Mitglied tc240sx ablesen: "ok so, basically what they're saying is, 'we've added a new way to interface with a computer....but we really haven't figured out anything useful to do with it yet' ". (Ok, also im Wesentlichen sagen sie: "wir haben einen neue Methode zur Interaktion mit Computern gefunden... aber wir haben wirklich noch keine Idee, wie man damit irgendetwas sinnvolles anstellen kann").
[Fotos: stock.xchng]






